Stefan WinopalText Filmtipp: „Something Must Break“

Filmtipp: „Something Must Break“

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Sebastian liebt Andreas. Und Andreas liebt Sebastian. Doch Andreas ist hetero. Und Sebastian wäre gerne Ellie. Aber so einfach, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint, ist es natürlich nicht. Das sensible Drama „Something Must Break“ des Schweden Ester Martin Bergsmark handelt von Selbstfindung und Grenzüberschreitung, von hingebungsvoller, bedingungsloser Liebe und von Rebellion. Rebellion gegen die glattpolierte IKEA-Gesellschaft des gegenwärtigen Stockholms.

Ganz zu Anfang tauchen wir ein in die Lebenswelt des jungen Sebastian (Saga Becker). Der androgyne Mittzwanziger lebt mit seiner Mitbewohnerin Lea (Shima Niavarani) in Stockholm. Er arbeitet in einem Lager, sein Alltag erscheint trist und repetitiv. Um auszubrechen, gibt er sich Drinks und Drogen hin, ab und zu geht er auf Partys oder verabredet sich zum Sex mit anderen Männern. Und dann gibt es da noch Ellie. Ellie ist Sebastians Alter Ego, die Frau, die er gerne sein möchte, als die er sich identifiziert.

Ein glückloser Versuch, Geschlechtsverkehr auf einer öffentlichen Toilette zu initiieren, entwickelt sich zu einer Schlägerei. In einer heroischen Aktion rettet der rebellische Andreas (Iggy Malmborg), ein Beau vom Typ James Dean, den verunsicherten Sebastian. Dieser verfällt dem Charme seines unverhofften Schutzengels natürlich sofort. Doch nach einer gemeinsamen Nacht verlieren sich Sebastian und Andreas erstmal aus den Augen, bis sie ein Zufall wieder zusammen führt.

Was sofort auffällt, wenn man „Something Must Break“ („Nånting måste gå sönder“) betrachtet, ist seine formale Andersartigkeit. Das ungewöhnliche Erzähltempo – immer wieder durchbrochen von stilllebenartigen Landschaftsaufnahmen – stellt zuweilen die eigenen Sehgewohnheiten auf die Probe. Man lernt eine Seite von Stockholm kennen, die man so sonst nie sieht: verwaiste Industriegebiete, ungepflegte Parks und schmuddelige Clubs.

Sebastian und Andreas sehen sich immer öfter, und allmählich beginnt auch Andreas, der sich selbst als heterosexuell identifiziert, seine Zuneigung zu Sebastian zu entdecken. Die beiden teilen die Vorliebe für Drogen und das Extreme. So vergnügen sich die beiden in- und außerhalb des Bettes in immer selbstzerstörerischer Art und Weise, bis Andreas schließlich ankündigt: „Ich bin nicht schwul!“ „Ich auch nicht“, antwortet Sebastian, kurz bevor Andreas mit den Worten „Du bist so schön, dass ich kotzen möchte!“ hinaus stürmt. Sebastian ist erwartungsgemäß am Boden zerstört und versucht, sich mit bedeutungslosem Sex über den Verlust seiner großen Liebe hinweg zu trösten. Doch seine Besessenheit von Andreas geht sogar so weit, dass er ihm nachstellt. Und auch Andreas merkt, dass er nicht ohne Sebastian kann und so beginnt sich die Spirale der subversiven Begierde von Neuem zu drehen.

Der großartige Soundtrack unterstreicht die Handlung fast immer perfekt. Seine Vielseitigkeit reicht von Peggy Lee über leichte Elektropop-Nummern und schwedischsprachige Songs bis hin zu düsterem Techno, der in den Hallen der Underground-Clubs widerhallt.

Ester Martin Bergsmark und sein Co-Drehbuchautor Eli Levén haben hier einen Roman des letztgenannten adaptiert und auch autobiographische Elemente der beiden verarbeitet. Entstanden ist ein sensibler Film, der die verquere Gefühlswelt des Protagonisten in bester Coming-of-Age-Manier nachzeichnet: Sebastian lernt, mit den meist negativen Reaktionen der Anderen auf sein eigenwilliges Auftreten umzugehen. Man begleitet ihn, wie er an sich wächst, wieder zerbricht und sich in bedingungsloser Hingabe völlig selbst verliert. Bis er schließlich den Mut findet, Ellie, die Frau, die er eigentlich ist, frei zu lassen, sein Glück von anderen unabhängig zu machen und sich selbst so zu lieben, wie er ist.

Der Film ist beim Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln als Deutschlandpremiere zu sehen und gewann in diesem Jahr beim Rotterdam International Film Festival den Tiger Award.

Über diesen Text

Dieser Text erschien ursprünglich am 11. April 2014 im Festivalblog zum Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln 2014, das vom 8. bis zum 13. April in Köln stattfand. Das Festivalblog war ein Projekt des Ressorts „Kultur und Medien“ der Online-Redakteure im dritten Semester.