Stefan WinopalText Filmtipp: „Vulva 3.0“

Filmtipp: „Vulva 3.0“

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„Zwischen Tabu und Tuning“, so der Untertitel des mutigen Dokumentarfilms von Claudia Richarz und Ulrike Zimmermann, liegt die Wahrheit über das weibliche Wollustorgan. Denn obwohl Sex in unserer Gesellschaft allgegenwärtig zu sein scheint, ist die unverblümte Darstellung der Vagina noch immer ein Tabu, das nur selten gebrochen wird. Doch warum ist das so? Dieser und weiteren Fragen geht die Dokumentation „Vulva 3.0“ auf den Grund.

Der Film beginnt in Köln, wo sich das Erotikmodell Bella Joy die Lippen aufspritzen lässt. Doch wer nun an einen kosmetischen Eingriff im Gesicht denkt, ist im falschen Film: Die Schamlippen sind der Gegenstand der Verschönerungsmaßnahme. Mit dem Endergebnis sind Ärztin und Patientin gleichermaßen zufrieden: „Sehr amerikanisch, aber schön“, sagt Dr. Uta Schlossberger sichtlich zufrieden mit ihrer Arbeit. „Das sieht geil aus!“, freut sich auch die Patientin, als sie ihre runderneuerten Schamlippen im Spiegel betrachtet.

Ulrich Grolla verdient sein Geld mit Bildbearbeitung. Doch die Bilder, die er bearbeitet, sind nicht etwa Modefotografien. In Dortmund retuschiert er Bilder für die Pornoindustrie. Und er verrät, was die Käufer von Erotikmagazinen sehen wollen. In den allermeisten Fällen ist das eher eine idealisierte Darstellung der Vagina, als das, was Mutter Natur den freizügigen Darstellerinnen mitgegeben hat.

Wir lernen Jawahir Cumar kennen. Die gebürtige Afrikanerin ist die Gründerin von Stop Mutilation e.V. und engagiert sich gegen die Beschneidung von Mädchen in Europa und Afrika. In ihrer Arbeit kämpft sie vor allem mit dem Vorurteil, dass beschnittene Frauen zu keiner sexuellen Lust mehr fähig seien. Noch immer werden in vielen afrikanischen Staaten junge Mädchen beschnitten, um in ihrer Kultur als Frau angesehen zu werden. Eine Tradition der Verstümmelung, die die Angehörigen voller Stolz aufrecht erhalten.

In dieser wunderbar unaufgeregten und sachlichen Dokumentation trifft man noch viele weitere interessante Persönlichkeiten, die häufig schon von Berufs wegen mit dem weiblichen Genital zu tun haben. Man erfährt alles zum anatomischen Aufbau der Klitoris, von ihrer Perle, ihren Flügeln und ihren Schwellkörpern. Eines ist jedenfalls allen gezeigten Damen und Herren gemein: Sie sind mit Leidenschaft bei der Sache. Die unkommentierte Dokumentation wertet nicht, sondern zeigt verschiedene Standpunkte auf und überlässt es dem Zuschauer, selbst Position zu beziehen.

Der Film endet auf einem Ärztekongress. Via Videokonferenz werden dort die neuesten Operationsmethoden zur vaginalen Verjüngung vorgeführt. Mehrere Minuten lang wird dies dokumentiert, jedoch ohne, dass man als Zuschauer tatsächlich etwas davon zu sehen bekäme. Hier hätte der Film durchaus von einem knackigeren Schnitt profitiert. Oder von weniger „Schere im Kopf“ – das ist wohl Geschmacksache. Alles in allem liefert „Vulva 3.0“ einen durchweg gelungenen und interessanten Rundumblick zum Stand der Vagina in der heutigen Gesellschaft.

Über diesen Text

Dieser Text erschien ursprünglich am 13. April 2014 im Festivalblog zum Internationalen Frauenfilmfestival Dortmund|Köln 2014, das vom 8. bis zum 13. April in Köln stattfand. Das Festivalblog war ein Projekt des Ressorts „Kultur und Medien“ der Online-Redakteure im dritten Semester.